Rede anlässlich der Preisverleihung des 15. Prälat-Leopold-Ungar- JournalistInnenpreises

Guten Abend meine sehr geehrten Damen und Herren! Herzlich willkommen zur Verleihung des 15. Prälat Leopold Ungar JournalistInnenpreises hier im magdas HOTEL.

Schön, dass sie alle hier sind. Betonung liegt auf alle. Ich möchte meine Rede heute aber mit jemandem beginnen, der nicht anwesend ist. Nicht, weil wir ihn nicht eingeladen hätten, sondern weil er nicht kommen wollte, weil er noch immer extrem verunsichert ist. Ich habe versucht, jenen Asylwerber aus Oberösterreich zur Preisverleihung einzuladen, dessen Schicksal vor kurzem österreichweit für Aufregung gesorgt hat.

Ein geflüchteter, junger Mann, der beim Besuch des Bundespräsidenten an seinem Arbeitsplatz, im Supermarkt in Oberösterreich fotografiert wird und den eine Regierungspartei daraufhin zum Terrorsympathisanten erklärt und angezeigt hat.

Ein junger Mann in Lehre, von Abschiebung bedroht, von einer Regierungspartei an den Pranger gestellt und dem Socialmedia Mob zum Fraß hingeworfen wird. Zu Unrecht wie sich rasch herausstellt.

Eine echte Entschuldigung blieb aus. Bis heute. Ein völlig verunsicherter junger Mensch blieb zurück. Bis heute. Die Postings blieben lange ungelöscht. Und bei vielen Menschen bleibt der Eindruck: Wird schon was dran sein. Bis heute.

Geschätzte Gäste, das Internet hat ja unglaublich viele Vorteile. Aber ein Nachteil ist: Mittlerweile glaubt wirklich jede und jeder zu wissen, dass Flüchtlinge von der Caritas mit dem jeweils neuesten iPhone ausgestattet werden. Um einen namhaften Politiker zu zitieren: Diese und ähnliche „stichhaltigen Gerüchte“ halten sich seit langem hartnäckig.

Und wenn die sogenannten Systemmedien dann noch versuchen, Fakenews als solche zu benennen, ist es in den Augen vieler nur ein weiteres Indiz dafür, dass selbst an der haarsträubendsten Geschichte etwas dran sein muss. Das Motto: Ich mach mir die Welt, wiedewie sie mir gefällt. In meiner Timeline. In meiner Bubble. Mit meinem Newsfeed.

Meine sg. Damen und Herren, ich glaube: Die Geschichte des jungen Flüchtlings verrät viel über unsere Gesellschaft im Jahr 2018 – darüber, wie und auf wessen Rücken heute Politik gemacht wird. Das ist vielleicht nicht neu, aber die Dimension und die Skrupellosigkeit sind neu. Es ist eine Geschichte über Macht und Ohnmacht alter und neuer Medien. Eine Geschichte über Emotionen und Fakten. Und eine Geschichte, die im Kleinen erfahrbar macht, was sich auch im Großen immer deutlicher abzeichnet: Sicher Geglaubtes gilt nicht mehr. Viele Dinge sind aus der Balance geraten. Und in einer Zeit, da alle von Grenzen reden, werden zu allererst moralische Grenzen unterwandert.

Wir leben in verrückten Zeiten. In einem bizarren Umfeld. Postdemokratisch in Ungarn oder Russland. Postfaktisch in den USA. Post irgendwie auch hier bei uns in Österreich und in Europa. Der Ton wird rauer. Neuer Stil hin oder her.

Wir spüren – so hat es der Historiker Philipp Blom in einer sehr klugen Rede bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele im Sommer formuliert – die Rückkehr der Geschichte. Trump und Brexit lassen es erahnen. Populismus und nationalstaatliche Kraftmeierei kehren im großen Stil auf die politische Bühne zurück. Hass und Neid fressen sich wie ein Krebsgeschwür rasend schnell in die Gesellschaft, breiten sich immer mehr aus. Wir gegen die Anderen. Das Neue soll überschaubar sein. Auch wenn es das Ende der Beschaulichkeit bedeutet.

Vieles spricht dafür, dass diese Entwicklungen eng mit dem Aufkommen neuer Technologien und neuer Medien zu tun haben. Mit Social Media. Mit Nachrichten, die wir in Echtzeit verfolgen. Nachrichten, die wie das Wetter auf uns hereinprasseln, die fordern und überfordern. Manchmal auch mich.

Es sind Entwicklungen, die die Art und Weise, wie wir denken und wie wir leben, stark verändern. Ja, selbst die Frage, wen wir lieben und wen wir wählen, ist davon betroffen.

Der deutsche Medienwissenschafter Bernhard Pörksen spricht von der „großen Gereiztheit“ unserer Gesellschaften. Davon, dass das Prinzip der Aufklärung unter Druck gerät – also der Versuch, kritisches Denken und Respekt vor Fakten höher zu achten als Meinungen, Vorurteile, Gefühle und Emotionen. Anstelle der Meinungsvielfalt ist vielfach der Meinungskampf getreten.

Die Lösung besteht laut Pörksen darin, dass jede und jeder Einzelne von uns zum Journalisten werden muss. Jede und jeder von uns muss Fake von News trennen.  Das ist leichter gesagt als getan.

Zu einer Zeit, als es Google und Facebook noch nicht gab und das erste Smartphone noch nicht erfunden war, schrieb der deutsche Soziologe Niklas Luhmann ein Buch mit dem Titel „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Er vertrat darin eine These, an die ich zutiefst glaube.

Die Gesellschaft, so Luhmann, hat die Einführung von Schrift, Buchdruck und Computer nur überlebt, weil es ihr gelungen ist, immer wieder Wege zu finden, um mit dem neu produzierten Überschusssinn zurecht zu kommen. Jedes neue Medium stellt zunächst mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereit, als eine Gesellschaft bewältigen kann. Es geht also um Umgangsformen mit beschleunigter Kommunikation. Ich glaube: An einer solchen Schwelle der Geschichte stehen wir auch heute. Die große Gereiztheit ist ein Symptom davon.

Für uns als Caritas erwächst daraus auch eine anwaltschaftliche Aufgabe: Gelingt es, den Begriff der universellen Menschenwürde vom analogen ins digitale Zeitalter überzuführen? Schaffen wir es, so etwas wie eine digitale Spaltung unserer Gesellschaft zu verhindern? Und wie kann es gelingen, die Digitalisierung zu einem Instrument der Aufklärung zu machen? Wie wird aus einem Shitstorm ein Flowerrain? Wie können wir immer wieder daran erinnern, dass Liebe größer Hass ist?

Meine Damen und Herren, ich weiß, auch Sie bekommen diese disruptive Veränderung zu spüren. Lang erfolgreiche Erlösmodelle funktionieren immer weniger. Neue sind noch nicht oder nur teilweise gefunden. Sie spüren es aber auch dann, wenn politische Verantwortungsträger die Glaubwürdigkeit der Medien oder einzelner Journalistinnen und Journalisten immer offener untergraben.

Donald Trump hat kein Monopol auf Medienbashing. Auch in Europa verstehen sich Politiker gut darauf, den Vorwurf gelenkter Berichterstattung zu streuen.  Die polnische Pis Partei brachte öffentlich-rechtliche Sender auf Linie. In Ungarn führt Viktor Orban schwarze Listen über Journalisten. Österreichische Regierungsvertreter sprechen von notwendigen Optimierungen und “nachhaltiger Identitätssicherung”. Sie alle eint: Die vierte Gewalt wird umgedeutet – neu geframed und von Donald Trump zu Feinden des Volkes erklärt. Nicht gerade das, was man sich von dem sogegannten Leader of the free world vor kurzem noch erwartet hätte.

Das Ergebnis: Die Rede von Fakenews ist längst kein Thema mehr, das nur an den Rändern des Meinungsspektrums zu finden ist. Dieses Vorurteil wurde weitergereicht: Von den Rändern bis tief hinein in die Mitte der Gesellschaft.

Das Problem daran: Es geht diesen Politikern, meist sind es Männer, nie um konstruktive Medienkritik. Sie wollen Zweifel sähen, wohlwollende Berichterstattung ernten, Kritik im Keim ersticken. Sie schwächen die Glaubwürdigkeit, und merken nicht, dass sie an jenem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wenn wir heute den 15. Prälat-Leopold-Ungarpreis verleihen, dann geht es also um nichts weniger als um Aufklärung. Eine Aufklärung, die sich jedweder Message Control entzieht  und die einen demokratischen Diskurs, ein großes Gespräch der Gesellschaft über sich selbst, ermöglicht.

Seit 15 Jahren verleiht die Caritas nun gemeinsam mit der Raiffeisen Landesbank NÖ-Wien diesen Preis. Und auch heuer werden wieder Arbeiten gewürdigt, die sich im Sinne von Prälat Leopold Ungar einsetzen.

Es geht um Journalismus, der schonungslos und gleichzeitig rücksichtsvoll ist. Um Journalistinnen und Journalisten, die aufdecken ohne bloßzustellen. Häufig geht es um Obdachlosigkeit, um Flucht, um Hospiz und um Pflegebedürftigkeit. Immer gilt die Aufmerksamkeit ganz konkreten Menschen. Sie geben diesen Menschen ein Gesicht und eine Stimme. Und ich bin überzeugt: Gesichter und Stimmen sind es, die man nicht leugnen kann.

Ihre Aufgabe ist es, den gesellschaftlichen Horizont und den Diskurs zu weiten. Vermutlich wird Sie künftig noch mehr als bisher die Frage beschäftigen, wie diese Aufklärung auch jene Menschen erreicht, die sich längst vom bürgerlichen Diskurs verabschiedet haben. Ich glaube: Das wird die zentrale Herausforderung sein.

Als Verantwortlicher der Caritas der Erzdiözese Wien bin ich Berufsoptimist. Wir sehen jeden Tag in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Arbeit, dass Hoffnung und Zuversicht angebracht sind. Und so bin ich auch hier überzeugt, dass sie und dass wir alle Wege finden werden, um als Gesellschaft mit neuem Überschusssinn und Unsinn umzugehen. Wie genau dieser Weg aussehen wird? Ich weiß es nicht. Was ich sicher weiß: Ein neuer Biedermeier, der Rückzug in die kleine Welt, das Schließen der Augen, die grobe Unterscheidung zwischen Wir und den Anderen, führt in die Irre. Dieser Weg verkennt, dass die großen Fragen der Gegenwart und Zukunft nur gemeinsam angegangen und gelöst werden können.

Der im März verstorbene Physiker Stephen Hawking – als  bekennender Atheist war er Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften – hat in einem berührenden Abschiedsvideo gesagt: „Erinnert euch, zu den Sternen zu schauen und nicht runter zu euren Füßen.“ Was nähren wir in uns? Worauf fokussieren wir? Auf unsere Ängste, oder auf die Chancen? Ordnen wir Veränderung ein als Anlass für Furcht, oder als Ausgangspunkt, Neues zu wagen? Wie viel Sicherheit brauchen wir? Wie viel Freiheit wollen wir? Als die ersten Dampflocks erfunden wurden, galt nach damaliger These, das menschliche Gehirn könne nicht mehr als 30 km/h aushalten. Die Ingenieure haben die Fahrt trotzdem gewagt; zugegeben bei 28, 29km/h waren sie vermutlich nervös. Wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist.

Der Weg, der vor uns liegt, wird mitunter auch mühsam sein. So war es auch früher schon. Die Industrialisierung hat unsere Gesellschaften im Laufe des 19. Jahrhunderts radikal verändert. Arbeiterrechte, Arbeitszeiten, Mindestlöhne, Verbot der Kinderarbeit – für diese und ähnliche Errungenschaften waren Jahrzehnte des politischen und sozialen Ringens notwendig. Ich denke, wir werden dieses Ringen an den unterschiedlichsten Stellen erneut leisten müssen. Mit demokratischem Druck. Mit Entschlossenheit und mit Empathie. Gegen Propaganda, Fakenews, gegen Hass im Netz und im echten Leben.

Kann das gelingen? Es muss und es wird gelingen. Die Handylüge ist übrigens seltener geworden. Wir haben uns rechtliche Schritte gegen einzelne User vorbehalten. Einen User, der dabei aufgeflogen ist, haben wir in eines unserer Flüchtlingshäuser eingeladen. „Mir hat das Hirn ausgesetzt“, sagte er damals. Die Begegnung mit der analogen Wirklichkeit tat ihm gut. Und mir auch. Sie täte uns allen gut.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich an dieser Stelle nicht nur bei Ihnen für Ihre Arbeit, sondern auch bei den Mitgliedern der Jury für ihren tatkräftigen Einsatz recht herzlich bedanken! Ein herzliches Dankeschön an Eva Weissenberger, Irene Brickner, Andrea Puschl, Cornelia Krebs, Susanne Scholl, Florian Klenk und Roland Machatschke für das zeitaufwändige und gewissenhafte Durchsehen, Durchhören, Durchlesen und das umsichtige Bewerten der Einreichungen! Danke an Stefan Lenglinger für die Moderation des Abends. Und Danke der Raiffeisen Landesbank NÖ-Wien für die langjährige und gute Zusammenarbeit hier und in einer Reihe anderer wichtiger Projekte.

Werte Journalistinnen und Journalisten: Wir brauchen Sie! Mit „Wir“ meine ich nicht die Caritas. Mit „Wir“ meine ich die offene, die liberale Gesellschaft. Wir brauchen Sie als Diskurs- und Horizonterweiterer. Bleiben Sie sich und ihrer Arbeitsweise treu. Auch und gerade dann, wenn sich Ihr Arbeitsumfeld verändert. DANKE und Alles Gute!

Klaus Schwertner, Generalsekretär Caritas Erzdiözese Wien

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Rede anlässlich der Preisverleihung des 15. Prälat-Leopold-Ungar- JournalistInnenpreises

FAKTENCHECK – Warum bekommen unsere Obdachlosen nur Schlafsäcke und Flüchtlinge warme Quartiere? Und wurden Flüchtlingsquartiere für obdachlose Menschen benötigt?

Aus aktuellem Anlass poste ich meinen Text vom 20.1. nochmals, habe aber einige Punkte aktualisiert und genauer erklärt. Etliche obdachlose Menschen haben auch heute Nacht draußen geschlafen. Immer wieder fragen mich Menschen, warum es für geflüchtete Menschen Quartiere gibt und für obdachlose Menschen nur Schlafsäcke. Am Wochenende wurde diese Information auch empört in den sozialen Medien verbreitet und auch in Zusammemhang mit der vom Innenminister zugesagten Öffnung der Flüchtlingsquartiere des Bundes für obdachlose Menschen gebracht.

Vorweg: Ich finde die Frage durchaus berechtigt, weil die Antwort nicht unbedingt einfach nachzuvollziehen ist, zumindest auf den ersten Blick.

In Wien gibt es vom Fonds Soziales Wien gemeinsam mit vielen Hilfsorganisationen wie der Caritas mehr als 4500 Wohnangebote, Zimmer, kleine Wohneinheiten, WGs für wohnungslose Menschen. D.h., Menschen – die aus unterschiedlichsten Gründen keine Wohnung haben und sonst akut obdachlos wären oder unter schwierigsten Verhältnissen leben müssten (bei Frauen spielt oft Gewalt eine große Rolle)

Jetzt im Winter werden auch die Notquartiersplätze für akut obdachlose Menschen massiv aufgestockt. Das passiert nicht nur in Wien, sondern in mehreren Landeshauptstädten. Auch wir als Caritas haben in Wien eine Reihe von neuen Notquartieren, etwa in einer ehemaligen Polizeistation bei der U-Bahn Station Meidling eröffnet. Heute Nacht standen allein in der Bundeshauptstadt 1275 Notquartiersplätze zur Verfügung, denn jede und jeder, die/der einen warmen Schlafplatz braucht, soll diesen auch erhalten. Niemand soll in Wien auf der Straße frieren und erfrieren müssen. ca 1200 dieser Betten wurden auch heute Nacht von obdachlosen Frauen, Männern und Kinder genutzt – sie haben drinnen im Warmen geschlafen, ca 75 Betten blieben frei.

Warum also gibt es freie Plätze und trotzdem schlafen Menschen draußen? Machen sie das freiwillig?

1) Niemand lebt freiwillig auf der Straße, aber es gibt gute Gründe, warum Menschen auch heute Nacht draußen bei Minusgraden geschlafen haben.

2) viele obdachlose Menschen schämen sich Hilfe anzunehmen

3) viele Menschen sind psychisch krank und obdachlos

4) viele obdachlose Menschen können sich nach Jahren auf der Straße gar nicht mehr vorstellen in einem Bett oder Zimmer zu schlafen

5) vereinzelt gibt es Engpässe bei Plätzen z.B. für Paare oder obdachlosen Menschen mit Tieren – zuletzt war das in Wien nicht der Fall

Umso wichtiger sind unsere mobilen Angebote, auch gestern Nacht waren die Freiwilligen des Canisibus unterwegs und haben warme Suppe verteilt, im Jahr 2017 waren das mehr als 90.000 Schüsseln Suppe. Auch das Sozialarbeiterteam des Kältebus und am Hauptbahnhof war im Einsatz. Sie verteilen Schlafsäcke, Hauben, Handschuhe, Winterjacken, Socken, Winterschuhe. Sie gehen und fahren den Hinweisen der AnruferInnen nach, die die Nummer des Kältetelefons wählen. Jetzt in der Früh, in diesen Minuten kommen die ersten Menschen in die Tageszentren der Gruft und zweiten Gruft zum Aufwärmen und in die Wärmestuben in den Pfarren.

Stimmt es also, dass die Caritas geflüchtete Menschen Wohnungen zur Verfügung stellt und obdachlose Menschen nur Schlafsäcke erhalten? NEIN, das ist falsch!

Und wie ist die Öffnung der Flüchtlingsquartiere durch Innenminister Kickl zu beurteilen?

1) grundsätzlich ist jedes Hilfsangebot für obdachlose Menschen zu begrüßen
2) gutgemeinte Hilfe ist aber nicht immer gut, dieser Schluss wäre aber zu schnell
3) ärgerlich ist, dass der Eindruck entstand, es gab nicht ausreichend Betten und Notquartiersplätze für obdachlose Menschen, was nicht der Fall war – zumindest in Wien, Graz und Salzburg, meines Wissens auch in den anderen Landeshauptstäden
4) noch ärgerlicher war, dass es vorab keinerlei Gespräche mit Organisationen gab, die seit vielen Jahren in der Obdachlosenarbeit aktiv sind, um sich ein Bild der Lage zu machen
5) ohne Bedarfsprüfung wurde über die Medien ein Angebot gemacht, am vorletzten Tag der Kälteperiode
6) aus meiner Sicht wäre es sinnvoll diese Woche nachzufragen, wie viele obdachlose Menschen das Angebot des Innenministers angenommen haben, und falls es nicht angenommen wurde, nach den Gründen zu suchen.

Alles in allem ist aber am erfreulichsten, dass es trotz klirrender Kälte so viele Menschen in Österreich gibt, die Wärme schenken. Danke allen, die speziell in den letzten 10 Tagen geholfen und gespendet haben. Gemeinsam ist es uns gelungen, dass niemand auf der Straße erfroren ist. Und das ist mit Quartieren und Schlafsäcken gelungen!

Wäre genial, wenn dieses Posting zumindest 659x geteilt wird. Warum? Siehe Foto 😉

FAKTENCHECK – Warum bekommen unsere Obdachlosen nur Schlafsäcke und Flüchtlinge warme Quartiere? Und wurden Flüchtlingsquartiere für obdachlose Menschen benötigt?

Handy-Lüge: „Bei mir hat das Hirn ausgesetzt“

Vorgestern habe ich Franz R. kennengelernt und einiges dazugelernt. Herr R. behauptete in einem Onlineforum, die Caritas verschenke Handys an Flüchtlinge. Wir haben ihn erfolgreich geklagt. Statt einer Strafe hat er in einem Flüchtlingsquartier mitgearbeitet.

Was ich gelernt habe?

1) Herr R. ist freundlich, hat viel gearbeitet, Familie, auf die ist er sehr stolz und interessiert sich für Geschichte. Wenn ich ihn auf der Straße sehen würde, würde ich nie auf die Idee kommen, dass er die Handy-Lüge über die Caritas verbreitet.

2) Herr R. hat schlechte Erfahrungen gemacht mit Flüchtlingen, wobei er auf meine Nachfrage sagt, er wisse gar nicht, ob das Flüchtlinge waren oder Migranten oder einfach irgendwelche Jugendliche, die wie Ausländer aussehen. Einmal hat ihm eine Nachbarin nicht die Tür aufgehalten, das hat ihn sehr geärgert. Einmal wurde ihm ein Sitzplatz in der U-Bahn angeboten, das hat ihn auch irritiert. So alt ist er doch noch gar nicht. Und den alten Leuten bieten sie keinen Sitzplatz an. Ums gute Benehmen ginge es ihm halt, aber das vermisse er insgesamt bei den Jungen.

3) wirklich gesprochen dürfte Herr R. noch nie mit geflüchteten Menschen haben bisher, meint er selbst etwas nachdenklich. Er bezieht seine Informationen am meisten über zwei Onlinemedium (1x Boulevard, 1x Qualitätszeitung) oder was ihm Bekannte so erzählen. Die User-Kommentare unter den Artikel liest er aber schon regelmäßig.

4) Er hat geglaubt „die Flüchtlinge“ wohnen im „All inclusive Hotel“ wie in Hurgada.

5) Man sollte sich immer auch die andere Seite oder Meinung anhören, das habe er am meisten gelernt.

6) Neid und Falschinformationen „des gibt’s schon seit Kaiserszeiten“, sagt Herr R. Womit er wohl recht hat, und ergänzt „jetzt verbreitet sich das halt viel schneller als damals ein Brief“

Fragen, die mich beschäftigen: Wie erreichen wir als Caritas wieder Menschen wie Herrn R.? Wie schaffen wir es, dass möglichst viele Menschen die Handylüge erreicht. Nämlich das es kein Gerücht, keine Halbwahrheit, sondern eine glatte Lüge ist, und dass man für die Verbreitung dieser Lüge auf verklagt werden kann.

Ein erster Schritt wäre, wenn möglichst viele Menschen, auch du, dieses Posting teilen, es verbreiten und darüber erzählen. Ein zweiter Schritt wäre, wenn wir Lügen wieder als Lügen bezeichnen und nicht als alternative Fakten!

https://m.kurier.at/…/caritas-handy-luege-bei-m…/312.763.049

Handy-Lüge: „Bei mir hat das Hirn ausgesetzt“

Meine 90-jährige Freundin ❤❤❤

„Jetzt weiß ich endlich, warum ich so alt geworden bist“, sagt Frau Gertrude zu mir als ich sie gestern Nachmittag auf eine Jause besuche. So wie damals am Tag nach der Wahl zum Bundespräsidenten sitzen wir an dem Tisch in ihrem kleinen Wohnzimmer. Sie trinkt Kaffee, ich Kräutertee. Beide essen wir eine Topfengolatsche dazu. „Warum?“ frage ich etwas irritiert zurück. „Damit ich im hohen Alter noch so viel Positives, Nettes und Liebe erfahren darf. Irgendwie ist das wie eine Wiedergutmachung für mich“, sagt die 90-jährige Frau, die als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt hat und vor kurzem gemeinsam mit der Journalistin Marlene Groihofer ein Buch, ihr Buch herausgebracht hat. https://derstandard.at/…/Gertrude-Pressburgers-Erinnerungen…

Bekannt wurde Gertrude damals für ihr Video im Bundespräsidentschafts-wahlkampf. Als sie einen Appell speziell an die Jungen richtete und vor einer Politik warnte, die „nicht das Anständige, sondern das Niedrigste aus den Leuten herausholen“ wolle. Ihre Worte haben mich schon davor bewegt. Damals als ich sie auf einer Veranstaltung im Magdas HOTEL kennenlernte. Als ich sie bat, das was sie mir erzählte auch öffentlich zu erzählen, war ihr und mir nicht bewusst, dass sie bald auf der ganzen Welt bekannt sein würde. Für ihren Mut, sich anschließend wirklich an das Alexander Van der Bellen Team zu wenden, bin ich ihr bis heute dankbar. „Sogar in China wurde über mich und mein Video berichtet“, erzählt sie mir noch immer erstaunt während sie einen Schluck von ihrem Kaffee nimmt. „So wie beim Wiener Neujahrsbaby, für das du dich eingesetzt hast“, ergänzt sie. „Und bitte richte der Familie von Asel alles Liebe von mir aus. So ein liebes Baby, so ein liebes Baby,…“, wiederholt die alte Dame mehrmals während ich ihr auf meinem Handy das Foto von der Übergabe des #flowerrain Buches zeige.

Auch über den Hass reden wir, der sich rasend schnell wie ein Krebsgeschwür verbreitet in der Gesellschaft und bösartig ist wie ein Tumor. „Viele Menschen sind sehr unzufrieden und neidig, neidig sind sie auch sehr“, erzählt mir Gertrude ihre Wahrnehmungen. Viele Menschen haben ihr in den letzten Wochen geschrieben, auch das verbindet uns. Auch einige wenige, die ihr nichts Gutes wünschen. Auch denen schreibt sie zurück. Mit einfachen Worten, so das es die Leute gut verstehen können. „Ich habe ihm geschrieben, dass ich ihm wünsche, dass er nie das erleben muss, was ich erleben musste“, sagt Gertrude nachdenklich. Wir sind uns auch einig, dass wir vor allem „die Jungen“ erreichen müssen, mit unserer Botschaft wie wir mehr Liebe in die Welt bringen können und weniger Hass.

Meine Omas sind beide schon lange gestorben. Aber als Gertrude mir durch ihre Wohnungstür nachschaut und mich verabschiedet mit den Worten „Danke für deine Freundschaft Klaus, die freut mich wirklich sehr“, fühle ich wie mir ganz warm ums Herz wird. Ich habe eine Freundin, die in wenigen Monaten ihren 91 Geburtstag feiert, und die im Alter meiner Oma ist. Und ich bin unglaublich dankbar für die Begegnungen mit Gertrude, über ihre Erzählungen aus ihrer Kindheit und Jugend, und unglaulich dankbar für ihre Freundschaft. Beide setzen wir uns gegen Hass und Gewalt ein. „Halt den Kopf hoch, was dir auch droht“, diesen Satz hat ihr Vater immer zu ihr gesagt und diesen Satz hat sie sich immer zu Herzen genommen und auch ich finde den Satz sehr stark und sehe ihn als Auftrag.

Meine 90-jährige Freundin ❤❤❤

1. März 2018 – irgendwie ein besonderer Tag ❤

Heute ist irgendwie ein besonderer Tag. Für meine Schwester. Sie beginnt heute ihren neuen Job und freut sich schon sehr. Und für meinen Bruder, denn er hatte gestern seinen letzten Arbeitstag als Angestellter. Er macht sich gerade als blockchain Experte selbständig. Und es ist auch für mich irgendwie ein besonderer Tag, dieser 1. März.

Heute genau vor fünf Jahren bin ich Genersekretär der Caritas der Erzdiözese Wien. Und es ist für mich bis zum heutigen Tag eindeutig der schönste Job der Welt. Nein, eigentlich ist es viel mehr als ein normaler Job. Es ist für mich die schönste Aufgabe der Welt. Ja, manchmal extrem fordernd. Ja, manchmal treffe ich wirklich Menschen, die schwere Schicksalsschläge erleiden, ich komme an Orte bitterer Armut, hier in Österreich, in der Ostukraine oder wie letzte Woche in Jordanien. Manche fragen mich daher, ob meine Arbeit nicht unglaublich traurig und belastend ist. Ja, klar ist sie das manchmal. Aber an jedem einzelnen Tag an so vielen Caritas Orten treffe ich wunderbare Menschen. Menschen, die schlimme Sachen überwinden, die sich raus aus der Obdachlosigkeit zurück in eine Wohnung kämpfen, die nach langer Arbeitslosigkeit wieder eine Arbeit finden, Kinder, denen bewusst wird, dass sie viele Talente und Stärken haben. Menschen, die am Ende ihres Lebens jeden Tag feiern, Menschen mit ihrer Behinderung selbstbestimmt leben lernen und für Ihre Rechte selbst eintreten. Geflüchtete Menschen, die ihre Heimat hinter sich lassen müssen und ein neues Zuhause in Sicherheit finden.

Und auf der anderen Seite treffe ich jeden Tag so wunderbare Menschen, die an den verschiedenen Caritas Orten arbeiten, beraten, begleiten, informieren, pflegen,… Und ich treffe Menschen, die ihre Zeit spenden, für andere da sind, sich freiwillig engagieren. Oder Menschen, die sehr wenig haben und das wenige, das sie besitzen mit anderen teilen oder unvorstellbar wohlhabende Menschen, die das nicht zeigen und auf jene nicht vergessen, die vielleicht nicht so einen Startvorteil hatten oder das Glück im Leben auf sie vergessen hat. Eines habe ich festgestellt „in Menschen kann man nicht hineinschauen“ – der Satz hat schon etwas wahres. Zumindest auf den ersten Blick. Da urteilen, vorverurteilen wir manchmal zu schnell, auch mir passiert das leider noch immer.

Mir schreiben sehr viele Menschen sehr persönliche Nachrichten, Mails, Messenger Meldungen, und ich werde sehr oft angesprochen, ganz konkret und direkt auf der Straße, bei einer Veranstaltung oder in der U-Bahn. Manchmal begegnen mir auch Menschen, die mir mit ziemlich viel Ablehnung und auch Hass begegnen. Wenn ich es schaffe ihnen zuzuhören, mich auf sie einzulassen, zu antworten, indem ich ihnen Fragen stelle, dann habe ich oft die größten Überraschungen erlebt und wunderbare Menschen kennengelernt.

Ich möchte den heutigen Tag nutzen, um all jenen Danke zu sagen, die sich jeden Tag dafür einsetzen, dass wir die Welt ein bisschen heller, menschlicher, freundlicher machen. Das sind Menschen bei der Caritas, die nicht so wie ich das Gesicht nach außen sind, sondern oft ganz im Verborgenen unglaublich viel leisten – in der Pflege, mit und für Menschen mit Behinderung, in der Katastrophenhilfe und Hilfe vor Ort, in der Obdschlosenarbeit, unserer Familienhilfe oder den Sozialberatungsstellen, bei der youngCaritas, in den Pfarren, oder schlicht im Büro bei uns, um von der IT bis zur Spendenbuchhaltung unser Wirken und unsere Hilfe möglich machen. Danke speziell meinem Geschäftsführerkollegen Alexander Bodmann und natürlich auch Caritaspräsident Michael Landau. Ich habe viel von euch allen lernen dürfen und lerne jeden Tag dazu. Und ich möchte all jenen Menschen Dankeschön sagen, denen ich jeden Tag begegne, die ich kennenlernen darf. Diese Begegnungen und Gespräche machen mein Leben reicher. Egal, ob es Menschen sind, die Hilfe brauchen oder Hilfe ermöglichen.

Gerade in Zeiten wie diesen, in Zeiten, wo so vieles unübersichtlich geworden ist, und schnelle Entwicklungen (etwa Digitalisierung, Flucht/Migration, Globalisierung,…) uns auch verunsichern oder vielen Angst machen… genau in diesen Zeiten sollten wir uns alle jeden Tag aufs Neue die Frage stellen: was kann ich persönlich dazu beitragen, damit ich mehr Liebe in die Welt bringe? Wie können wir menschlich bleiben und berührbar für unsere Mitmenschen und speziell für jene Menschen, denen es aus unterschiedlichsten Gründen nicht so gut geht.

1. März 2018 – irgendwie ein besonderer Tag ❤

„Das Baby schrie, ich war überfordert.“

Ein Baby musste sterben. Der Vater hat es geschüttelt. Wie kann denn das passieren? So etwas darf doch nicht passieren. Und dennoch ist es schon wieder passiert. „Das Baby schrie, ich war überfordert“, gesteht der Vater, der jetzt in Untersuchungshaft sitzt – diese Überschrift habe ich heute Früh in einem Onlinemedium gelesen. Ich habe auch einige der Kommentare unter dem Artikel gelesen. „Wenn man überfordert ist, wenn die eigenen Kinder schreien, dann soll man keine Kinder kriegen.“ ist da noch einer der freundlicheren Sätze. „Ich wuensche ihm nicht den Tod,aber ich wuensche ihm schlaflose Naechte ,das Gefuehl dass jederzeit ein Zellengenosse das Selbe mit ihm anstellen koennte“, da wird es dann schon heftiger.

Natürlich kenne auch ich nicht die Hintergründe dieser konkreten Tat, die sind vor Gericht zu klären ebenso wie das Strafausmaß. Das Baby ist tot. Das Entsetzen über das Unbegreifliche ist groß. Ein Vater hat sein eigenes Kind getötet, wie kann er nur? Wir sind ziemlich schnell im Urteilen und Verurteilen. Und gerade dehalb muss ich genau jetzt daran denken, dass auch eines unserer Kinder ein Schreibaby war. Das auch ich mir oft dachte „Ich bin total überfordert!“. Durch nichts war der Kleine zu beruhigen. Keine Nacht, in der wir nicht 7 oder 8 Mal, vielleicht 10 Mal oder noch öfter aufstehen mussten, ihm vorgesungen haben, ihn herumgetragen haben, ihm ein Kirschkernkissen warm gemacht haben, ein Flascherl gegeben haben, wir haben einfach alles versucht, um ihn zu beruhigen. Alle Tricks haben wir angewendet. Nichts hat geholfen oder wenn, dann nur für kurze Zeit. Für eine Stunde, manchmal 1,5 Stunden. Wie viele Nächte wir kein Auge zugemacht haben, gefühlt oder tatsächlich, weiß ich nicht mehr. Doch ich weiß seit damals, dass Schlafentzug wirklich Folter sein kann. Ich kann mich noch gut erinnern wie sehr wir an die eigenen Grenzen gekommen sind und das nicht für möglich hält. Mit der Zeit bin ich richtig aggressiv geworden und das obwohl wir uns doch so sehr über das Baby gefreut haben. Wie kann das sein? Das darf doch nicht sein! Ich erinnere mich auch noch gut wie meine Frau und ich uns wechselseitig das brüllende Baby übergeben haben mit den Worten „Bitte nimm du ihn jetzt endlich mal, ich kann einfach nicht mehr“. Manchmal waren es auch viel unfreundliche Worte, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Wir haben manchmal selbst zu schreien begonnen und immer öfter haben wir vor Verzweiflung mit dem Baby mitgeweint. Es vergingen sicher Monate bis wir endlich Hilfe angenommen haben. Wir wollten doch gute Eltern sein und das selber hinbekommen. Das eigene Kind beruhigen, das muss doch gelingen. All diese Gedanken spielten sich im Unterbewusstsein bei uns ab. Und es war gut von außen Hilfe zu bekommen. Auch zu wissen, dass man nicht alleine ist in so einer Situation und es auch andere Familien gibt, denen es ganz ähnlich geht. Übrigens unser Sohn schläft heute meistens am besten ein, er schläft durch und in der Früh bekommen wir ihn oft nicht aus dem Bett.

Janika, das kleine Mädchen macht niemand mehr lebendig. Auf einen Täter hinzutreten und sei es nur verbal ist ziemlich billig und einfach. Aber vermutlich war es der eher harmlose Kommentar „Wenn man überfordert ist, wenn die eigenen Kinder schreien, dann soll man keine Kinder kriegen.“ – der mich zu diesen Zeilen bewegte. Wir waren auch überfordert damals. Und ich bin sehr froh, dass wir Kinder haben. Es ist mein größtes Glück. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir frühzeitig Hilfe annehmen, wenn wir überfordert sind. Wir hätten das vermutlich damals viel früher machen sollen und nicht so lange warten dürfen. Egal ob das ein brüllendes Baby ist, das sich nicht beruhigen lässt oder wenn die Pflege der Angehörigen einen an die eigenen Grenzen bringt. Wenn man das Gefühl hat, das schaffe ich nicht mehr, dann keine Zeit verlieren und um Hilfe bitten – egal ob im privaten Umfeld oder bei einer professionellen Stelle. Je früher desto besser. Manchmal ist um Hilfe bitten noch schwieriger als helfen.

Es gibt wichtige Angebote wie die Schreiambulanzen in ganz Österreich.

https://www.gesundheit.gv.at/leb…/eltern/baby/schreiambulanz

Unterstützung für Familien nach der Geburt eines Kinder bietet auch unser Projekt Wellcome: https://www.caritas-wien.at/…/wellcome-praktische-hilfe-na…/

„Das Baby schrie, ich war überfordert.“

Eine Chronologie der Vorverurteilungen

…oder die Geschichte einer Frau, die ihr Baby auf einer Flughafentoilette zur Welt bringen musste. Kurze Zeit später war das Kind tot und die Mutter im Gefängnis.

Viele werden sich noch an den Fall der jungen Frau erinnern, die am Flughafen Wien ein Kind zur Welt brachte und es in einem Mistkübel ablegte. Tagelang wurde in großen Headlines und reißerischen Artikeln und Beiträgen berichtet und der tragische Fall der
27-jährigen Nigerianerin und ihres toten Babys medial abgehandelt. Nachdem heute erneut ein Artikel  im Standard über den Fall erschienen ist, die Fakten praktisch nichts mehr mit der Berichterstattung der ersten Tage zu tun haben, habe ich eine kurze Chronologie der Berichterstattung (kein Anspruch auf Vollständigkeit) zusammengestellt. Es ist eine Chronologie einer fast einzigartigen Vorverurteilung einer Frau, die auf dem Weg aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk nach Miami eine Fehlgeburt im Transit in Wien erlitt und das Kind in ihrer Panik weggelegt. Das Baby, eine Sturzgeburt im sechsten Monat, sei nicht lebensfähig gewesen berichtet der Standard heute. Zusätzlich zu dem Leid, ihr Baby verloren zu haben, wurde die Frau 1,5 Monate lang öffentlich vorverurteilt und dem hasserfüllten Mob in den sozialen Medien ausgesetzt.

11.11.2016 Flughafen-Drama: „Kein Verständnis für diese Frau. Der Fall sorgt für Fassungslosigkeit. Nachdem eine aus Nigeria stammende 28-Jährige auf einer Toilette am Flughafen Wien-Schwechat ihr Kind auf die Welt brachte, das neugeborene Mädchen in einen luftdichten Plastiksack steckte und danach in einem Mistkübel entsorgte – der Säugling starb -, gehen die Wogen im Netz hoch. Auch der Großteil der krone.at-User reagiert mit Bestürzung auf den hochdramatischen Vorfall. Der Tenor: „Kein Verständnis“ für diese Frau. Die 28-Jährige wurde mittlerweile festgenommen. (Quelle: http://www.krone.at/oesterreich/flughafen-drama-kein-verstaendnis-fuer-diese-frau-baby-in-mistkuebel-story-538671)

„Eine Frau aus Nigeria brachte auf einer Toilette im Terminal 3 des Flughafens Wien-Schwechat ein Baby auf die Welt. Dann legte es die 28-Jährige in einem Mistkübel ab. Ein Putztrupp fand den Säugling, das Neugeborene wurde ins Wiener SMZ-Ost gebracht! Dort starb das Kind jetzt aber – wie „heute.at“ exklusiv erfuhr.“

„Neugeborenes auf Wiener Flughafen abgelegt: Mutter festgenommen“ und „Die Nigerianerin war aus Weißrussland gekommen und wollte nach Washington weiterfliegen. Sie hatte das Neugeborene in einer Toilette im Transitbereich in einem Mistkübel abgelegt. Dort wurde das Baby von Mitarbeitern des Reinigungsdienstes entdeckt. Es wurde in das SMZ Ost – Donauspital eingeliefert, wo es starb. Das Kind habe aufgrund des langen Sauerstoffmangels nicht überlebt, sagte Christoph Mierau, Pressesprecher des Wiener Krankenanstaltenverbundes“  (Quelle: http://derstandard.at/2000047288386/Neugeborenes-in-Wiener-Flughafen-abgelegt)

12.11.2016 U-Haft für Mutter des am Flughafen ausgesetzten Babys (Quelle: http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/5117014/UHaft-fuer-Mutter-des-am-Flughafen-ausgesetzten-Babys)

24.11.2016 Baby am Flughafen entsorgt – Mutter enthaftet (Quelle: http://www.heute.at/news/oesterreich/noe/chronik/Baby-am-Flughafen-entsorgt-Mutter-enthaftet;art88128,1373087)

Persönliche Anmerkung: An diesem Tag steht es zum ersten Mal in den Medien, dass die Frau in einem Caritas Haus für wohnunglose Frauen aufgenommen wurde. Sie war nach dem traumatischen Ereignis noch immer in einer psychischen Ausnahmesituation, völlig mittellos und nach der Enthaftung wäre sie obdachlos gewesen. Als die Bitte an uns herangetragen wurde, dass wir die Frau aufnehmen sollen, haben wir nicht gezögert. Als Caritas stellen wir nicht die Schuldfrage, sondern helfen Menschen in einer Notsituation. Das gilt in diesem Fall genauso wie in all den anderen Fällen unserer täglichen Arbeit. Ich erinnere mich allerdings noch genau an diesen Tag, den 24.11.2016 als wir durch die mediale Nennung der Caritas sofort, so wie die Frau selbst, die Folgen zu spüren bekamen. Innerhalb von wenigen Stunden kamen sie, die Anrufe, Emails und Kommentare auf unserer Facebook-Seite. Immer und immer wieder wurde die Frage gestellt: „Warum wir dieser „Kindesmörderin“ helfen?“ Einmal mehr ein Fall, wo uns Menschen, die noch nie an die Caritas gespendet haben, androhen in Zukunft sicher nicht mehr der Caritas zu spenden. Nach einigen Tagen war die Empörungswelle wieder vorbei.

5.12.2016 „Säugling im Mistkübel: Mutter nicht schuldfähig“ und weiter „Der Gerichtssachverständige Werner Brosch attestierte der 27-Jährigen Zurechnungsunfähigkeit wegen des Geburtsvorganges, sie ist daher nicht schuldfähig, das Verfahren wird eingestellt.“ (Quelle: https://kurier.at/chronik/oesterreich/saeugling-im-mistkuebel-mutter-nicht-schuldfaehig/234.143.154)

30.12. „Babyweglegung am Flughafen: Frau nach Haft illegal“ Nigerianerin erlitt am Wiener Flughafen Fehlgeburt, nun fehlen Papiere für Ausreise Wien/Minsk – Anfang November erregte der Fall einiges Aufsehen – und hatte in Foren sowie sozialen Medien so manchen böswilligen Kommentar zur Folge: Eine 27-jährige Nigerianerin (Name der Redaktion bekannt) habe auf einer Toilette des Schwechater Flughafens ein Kind geboren und es anschließend in den Mistkübel gelegt, wurde berichtet. Das Neugeborene, ein Mädchen, starb. Die Mutter kam ins Spital – und vier Tage später in Untersuchungshaft nach Korneuburg. Dort blieb sie nur zehn Tage lang. Am 24. November wurde sie gegen Kaution enthaftet; die 5000 Euro legte ihr Anwalt aus. Sie übersiedelte in ein Heim der Caritas, das alleinstehenden Frauen Obdach gibt. Ende November wurden die Ermittlungen gegen sie wegen Tötung eines Kindes eingestellt: Die Mutter, auf dem Weg aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk nach Miami, habe die Fehlgeburt im Transit in Wien erlitten und das Kind in ihrer Panik weggelegt. Das Baby, eine Sturzgeburt im sechsten Monat, sei nicht lebensfähig gewesen. Weiter Probleme Doch damit waren die Probleme der 27-Jährigen keineswegs zu Ende – „nicht nur seelisch, weil sie erst einen Abortus hatte und anschließend in einem für sie fremden Land in Haft war“, schildert eine Mitarbeiterin der evangelischen Seelsorge, die sich seither um sie kümmert, dem Standard. Überdies sei die Nigerianerin illegal im Land: „Sie hat keinerlei offizielle Bestätigung ihres hiesigen Aufenthalts.“ Das, so die Seelsorgerin, schaffe Unabwägbarkeiten in Zusammenhang mit der geplanten Abreise der Frau. Diese habe sich psychisch ein wenig erholt und wolle nun zurück nach Weißrussland fliegen, wo sie Medizin studiere. Doch die Frage sei: „Kann sie ohne Aufenthaltspapiere überhaupt ausreisen?“ Ticket nach Minsk Die Nigerianerin solle bei der Ausreise „das Entlassungsdokument aus der U-Haft vorzeigen“, erfuhr die Seelsorgerin beim zuständigen Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl. Gebe es Probleme, solle sie sich telefonisch melden. „Ist es sinnvoll, eine für unschuldig befundene Drittstaatsangehörige de facto in die Illegalität zu schicken?“, fragt sich die Seelsorgerin nun. Auch das Ticket nach Minsk wird sie aus eigener Tasche bezahlen müssen: Die Frau aus Nigeria sei „völlig mittellos. Ohne Hilfe von NGOs und Privaten wäre sie nach der Haft wohl auf der Straße gelandet.“ (Quelle: http://derstandard.at/2000050002944/Babyweglegung-am-Flughafen-Frau-nach-Haft-illegal)

Eine Chronologie der Vorverurteilungen